Corinna in Santiago 1
Da kürzlich leider alle Stories gelöscht wurden, hier nun die Wiederauferstehung als kürzere Einzelposts.
Mit etwas Geduld bekommen wir sie wieder zusammen:-)
Corinna K.war Studentin aus Deutschland. 1975 hatte sie beschlossen, nach Südamerika zu gehen. Begeistert vom Gedanken an die Weltrevolution wollte sie den Compañeros helfen, die Militärregime zu besiegen. Zwei Monate war sie bereits in der Hauptstadt. Unbehelligt als Austauschstudent übernahm sie Kurierdienste, erstellte Flugblätter und half, die Kommunikation zu den Exilkameraden in Europa aufrecht zu erhalten. Heute morgen hatte sie wieder heimlich Geld aus einer Botschaft abgeholt, das aus dem Ausland zur Unterstützung der Revolution geschickt worden war. Auf dem Rückweg geriet sie in eine Polizeikontrolle.
Hier ihre Aussage vor der "Comisión Rettig" 1991 zur Aufarbeitung der Verbrechen unter der Diktatur:
"Aus dem Wagen der Militärpolizei wurde ich zur Comisaría de Maipu gebracht. Zwei Soldaten führten mich einen Gang entlang und schubsten mich in einen großen Raum. Ich sah mehrere andere Gefangene hier. Sie hockten auf dem Boden in der Mitte des Raumes. Die meisten hatten eine schwarze Kapuze über den Kopf gezogen. Die uniformierten Aufseher mit ihren Gewehren standen in den Ecken, einige spielten Karten. Im Hintergrund spielte ein Radio ziemlich laut. Gelegentlich wurden die Militärmärsche von Kommandos der Aufseher unterbrochen.
"Hände auf den Rücken, Du Hure!" rief mir einer zu. Handschellen klickten um meine Unterarme. Dann steckten sie meinen Kopf in einen stickigen schwarzen Sack. Auch ich mußte mich auf den Boden hocken. Ich konnte nur noch durch einen schmalen Schlitz den Fußboden unter mir sehen.
An den Geräuschen hörte ich, dass sie noch mehr Menschen brachten. Mehrere Stunden mussten wir so hocken.
Dann packten sie mich an den Oberarmen und eine Stimme befahl: "Vamos!".
In einem kleinen Zimmer wurde mir die Kapuze vom Kopf gezogen.
In dem Raum gab es nichts weiter, als einen Tisch und zwei Holzstühle. Auf einem saß ich, auf dem anderen saß ein Mann in einer Militäruniform. "Guten Tag, Senora. Sie sind aus Deutschland?"
"Ja, Senor." Der Mann dachte eine Weile nach. Schließlich meinte er : „Ich möchte von Ihnen Namen wissen. Die Namen der Verbindungsleute."
"Senor, das muss ein Irrtum sein, ich bin ..."
"Hören Sie auf mit dem Schwachsinn." rief er und haute mit der Hand auf den Tisch. "Die Geschichte höre ich jeden Tag zehnmal." Dann ruhiger: "Ist das Ihre Tasche?"
Er zog meine Handtasche hoch und legte sie vor mich auf den Tisch. Ich wollte leugnen, aber er hatte plötzlich meinen Reisepaß in der Hand:
"Corinna K., Deutschland, Berlin. Besuchsvisa für Argentinien und Chile."
"Ich will mit dem Botschafter sprechen" sagte ich. "Ich bin deutsche Staatsbürgerin". Während ich antwortete, blickte mich der Mann mit kalten Augen an.
"Zunächst einmal werden Sie erkennungsdienstlich behandelt." Er drehte sich um und rief einen Soldaten zu sich. "Guardia - llévate a esta huevona al pasillo."
Der Soldat hieß mich aufstehen. Er führte mich aus dem Zimmer und verfrachtete mich zusammen mit zwei anderen Gefangenen in einen roten Chevrolet. Als Ziel rief der Offizier dem Fahrer zu: "La Venda Sexy". Dort wurde ich über eine Treppe in den ersten Stock gebracht, dann einen Gang entlang. Eine Wache signalisierte mir, dass ich vor der Tür zu warten hätten, bis ich hereingerufen würde. Er zündete sich eine Zigarette an. Aus den anderen Etagen hörte ich militärische Kommandos, Einheiten marschierten vor dem Haus. Irgendwo spielte laut ein Radio. Ein Schuß, Gelächter.
Ich wurde hereingerufen.
Der Raum war fensterlos und dunkel bis auf einen grellen Scheinwerfer, vor den ich gestellt wurde.
Im Hintergrund des kleinen Zimmers erkannte ich die Umrisse von weiteren Personen. Die Tür wurde abgeschlossen.
Es roch muffig. Ein dicker Mann, dessen Gesicht ich wegen der grellen Lampe nicht genau sehen konnte, kam auf mich zu und nahm mir die Handschellen ab. Dann sagte er laut: "Sáquese la ropa. Toda" – "Ausziehen. Alles!". Ich bekam plötzlich ganz weiche Knie. Ich zögerte, wußte nicht was ich sagen sollte. Im nächsten Moment gab er mir eine Ohrfeige, die mich zu Boden warf. Bevor ich mich aufrappeln konnte, faßte er mir schon in die Haare und zog mich hoch. Als ich wieder stand, wiederholte er: "Los Du marxistische Hure. Zieh Dich aus!"
Mir zitterten die Hände und mein Mund war ganz trocken. Ich öffnete Bluse und Rock. Es war schrecklich heiß hier. Schließlich stand ich in Slip und BH da. Mehr geht nicht, dachte ich mir. Wieder knallte seine Hand in mein Gesicht. Ich fiel hin, er zog mich an den Haaren hoch.
"Beim Verhör stehst Du hier vorne nackt. Jedesmal. Merk Dir das! "
"Ich kann nicht..." sagte ich leise.
Als sie mir gewaltsam den BH abnahmen, fielen die Dollarscheine und ein Zettel aus der Botschaft auf den Fußboden. Unruhe brach aus im Raum. Sie betrachteten das Geld und den Zettel und diskutierten miteinander.
Dann begann das eigentliche Verhör. Ich mußte die Hände hinter den Kopf nehmen.
Name? , Vorname?, Wohnort, Alter...
Obwohl ich furchtbare Angst hatte, versuchte ich, so wenig wie möglich zu verraten.
Nach etwa zwanzig Minuten durfte ich mich wieder anziehen und wurde in eine winzige Zelle gebracht. Das war mehr ein Schacht, denn der Raum hatte nur etwa 1 x 1 m Grundfläche und weit oben ein Lüftungsgitter.
Sie holten mich am nächsten Tag wieder. Wieder mußte ich in den dunklen Verhörraum. Als ich nackt und mit erhobenen Händen vor ihnen stand, fragten sie diesmal vor allem nach Exilgenossen in Berlin. Sie schienen einiges herausgefunden zu haben in der Zwischenzeit. Fragen nach Geld, Telefonverbindungen und Gruppenstrukturen in Deutschland. Außer einigen Schlägen ging die Sache noch gemäßigt ab. Nachdem ich mich wieder angezogen hatte, brachten sie mich in den Keller. Dort zwangen sie mich, der Folterung an einer jungen Frau zuzuschauen. Mit freiem Oberkörper war sie auf einen Stuhl geschnallt worden. Im Jargon der Soldaten, so fand ich schnell heraus, hieß er "silla de la veridad" –Wahrheitsstuhl. Aus den Gesichtszügen der jungen Frau sprach eine Indio-Herkunft. Ihre Augen wurden mit Tesaband zugeklebt. Dann gab man ihr Elektroschocks an Fingern, Ohren und Brüsten.
Als ich wieder auf meine Zelle gebracht wurde, war mir übel. Natürlich hatte ich gehört von *********igungen, U-Boot, Papageienschaukel und Elektrofolter auf dem Eisenbett. Im Vergleich dazu war ich bisher noch glimpflich davongekommen.
Ende Teil 1
Fiktive Geschichte. Nachdruck aus dem losen Zyklus 'Lateinamerika'. Copyright Josephine Salt, 1998-2002.
Diese Geschichten sind aufgegangen in einem Roman. Weiteres zum Thema: Googeln nach: Das Eisenbett Ana Contrera
Mit etwas Geduld bekommen wir sie wieder zusammen:-)
Corinna K.war Studentin aus Deutschland. 1975 hatte sie beschlossen, nach Südamerika zu gehen. Begeistert vom Gedanken an die Weltrevolution wollte sie den Compañeros helfen, die Militärregime zu besiegen. Zwei Monate war sie bereits in der Hauptstadt. Unbehelligt als Austauschstudent übernahm sie Kurierdienste, erstellte Flugblätter und half, die Kommunikation zu den Exilkameraden in Europa aufrecht zu erhalten. Heute morgen hatte sie wieder heimlich Geld aus einer Botschaft abgeholt, das aus dem Ausland zur Unterstützung der Revolution geschickt worden war. Auf dem Rückweg geriet sie in eine Polizeikontrolle.
Hier ihre Aussage vor der "Comisión Rettig" 1991 zur Aufarbeitung der Verbrechen unter der Diktatur:
"Aus dem Wagen der Militärpolizei wurde ich zur Comisaría de Maipu gebracht. Zwei Soldaten führten mich einen Gang entlang und schubsten mich in einen großen Raum. Ich sah mehrere andere Gefangene hier. Sie hockten auf dem Boden in der Mitte des Raumes. Die meisten hatten eine schwarze Kapuze über den Kopf gezogen. Die uniformierten Aufseher mit ihren Gewehren standen in den Ecken, einige spielten Karten. Im Hintergrund spielte ein Radio ziemlich laut. Gelegentlich wurden die Militärmärsche von Kommandos der Aufseher unterbrochen.
"Hände auf den Rücken, Du Hure!" rief mir einer zu. Handschellen klickten um meine Unterarme. Dann steckten sie meinen Kopf in einen stickigen schwarzen Sack. Auch ich mußte mich auf den Boden hocken. Ich konnte nur noch durch einen schmalen Schlitz den Fußboden unter mir sehen.
An den Geräuschen hörte ich, dass sie noch mehr Menschen brachten. Mehrere Stunden mussten wir so hocken.
Dann packten sie mich an den Oberarmen und eine Stimme befahl: "Vamos!".
In einem kleinen Zimmer wurde mir die Kapuze vom Kopf gezogen.
In dem Raum gab es nichts weiter, als einen Tisch und zwei Holzstühle. Auf einem saß ich, auf dem anderen saß ein Mann in einer Militäruniform. "Guten Tag, Senora. Sie sind aus Deutschland?"
"Ja, Senor." Der Mann dachte eine Weile nach. Schließlich meinte er : „Ich möchte von Ihnen Namen wissen. Die Namen der Verbindungsleute."
"Senor, das muss ein Irrtum sein, ich bin ..."
"Hören Sie auf mit dem Schwachsinn." rief er und haute mit der Hand auf den Tisch. "Die Geschichte höre ich jeden Tag zehnmal." Dann ruhiger: "Ist das Ihre Tasche?"
Er zog meine Handtasche hoch und legte sie vor mich auf den Tisch. Ich wollte leugnen, aber er hatte plötzlich meinen Reisepaß in der Hand:
"Corinna K., Deutschland, Berlin. Besuchsvisa für Argentinien und Chile."
"Ich will mit dem Botschafter sprechen" sagte ich. "Ich bin deutsche Staatsbürgerin". Während ich antwortete, blickte mich der Mann mit kalten Augen an.
"Zunächst einmal werden Sie erkennungsdienstlich behandelt." Er drehte sich um und rief einen Soldaten zu sich. "Guardia - llévate a esta huevona al pasillo."
Der Soldat hieß mich aufstehen. Er führte mich aus dem Zimmer und verfrachtete mich zusammen mit zwei anderen Gefangenen in einen roten Chevrolet. Als Ziel rief der Offizier dem Fahrer zu: "La Venda Sexy". Dort wurde ich über eine Treppe in den ersten Stock gebracht, dann einen Gang entlang. Eine Wache signalisierte mir, dass ich vor der Tür zu warten hätten, bis ich hereingerufen würde. Er zündete sich eine Zigarette an. Aus den anderen Etagen hörte ich militärische Kommandos, Einheiten marschierten vor dem Haus. Irgendwo spielte laut ein Radio. Ein Schuß, Gelächter.
Ich wurde hereingerufen.
Der Raum war fensterlos und dunkel bis auf einen grellen Scheinwerfer, vor den ich gestellt wurde.
Im Hintergrund des kleinen Zimmers erkannte ich die Umrisse von weiteren Personen. Die Tür wurde abgeschlossen.
Es roch muffig. Ein dicker Mann, dessen Gesicht ich wegen der grellen Lampe nicht genau sehen konnte, kam auf mich zu und nahm mir die Handschellen ab. Dann sagte er laut: "Sáquese la ropa. Toda" – "Ausziehen. Alles!". Ich bekam plötzlich ganz weiche Knie. Ich zögerte, wußte nicht was ich sagen sollte. Im nächsten Moment gab er mir eine Ohrfeige, die mich zu Boden warf. Bevor ich mich aufrappeln konnte, faßte er mir schon in die Haare und zog mich hoch. Als ich wieder stand, wiederholte er: "Los Du marxistische Hure. Zieh Dich aus!"
Mir zitterten die Hände und mein Mund war ganz trocken. Ich öffnete Bluse und Rock. Es war schrecklich heiß hier. Schließlich stand ich in Slip und BH da. Mehr geht nicht, dachte ich mir. Wieder knallte seine Hand in mein Gesicht. Ich fiel hin, er zog mich an den Haaren hoch.
"Beim Verhör stehst Du hier vorne nackt. Jedesmal. Merk Dir das! "
"Ich kann nicht..." sagte ich leise.
Als sie mir gewaltsam den BH abnahmen, fielen die Dollarscheine und ein Zettel aus der Botschaft auf den Fußboden. Unruhe brach aus im Raum. Sie betrachteten das Geld und den Zettel und diskutierten miteinander.
Dann begann das eigentliche Verhör. Ich mußte die Hände hinter den Kopf nehmen.
Name? , Vorname?, Wohnort, Alter...
Obwohl ich furchtbare Angst hatte, versuchte ich, so wenig wie möglich zu verraten.
Nach etwa zwanzig Minuten durfte ich mich wieder anziehen und wurde in eine winzige Zelle gebracht. Das war mehr ein Schacht, denn der Raum hatte nur etwa 1 x 1 m Grundfläche und weit oben ein Lüftungsgitter.
Sie holten mich am nächsten Tag wieder. Wieder mußte ich in den dunklen Verhörraum. Als ich nackt und mit erhobenen Händen vor ihnen stand, fragten sie diesmal vor allem nach Exilgenossen in Berlin. Sie schienen einiges herausgefunden zu haben in der Zwischenzeit. Fragen nach Geld, Telefonverbindungen und Gruppenstrukturen in Deutschland. Außer einigen Schlägen ging die Sache noch gemäßigt ab. Nachdem ich mich wieder angezogen hatte, brachten sie mich in den Keller. Dort zwangen sie mich, der Folterung an einer jungen Frau zuzuschauen. Mit freiem Oberkörper war sie auf einen Stuhl geschnallt worden. Im Jargon der Soldaten, so fand ich schnell heraus, hieß er "silla de la veridad" –Wahrheitsstuhl. Aus den Gesichtszügen der jungen Frau sprach eine Indio-Herkunft. Ihre Augen wurden mit Tesaband zugeklebt. Dann gab man ihr Elektroschocks an Fingern, Ohren und Brüsten.
Als ich wieder auf meine Zelle gebracht wurde, war mir übel. Natürlich hatte ich gehört von *********igungen, U-Boot, Papageienschaukel und Elektrofolter auf dem Eisenbett. Im Vergleich dazu war ich bisher noch glimpflich davongekommen.
Ende Teil 1
Fiktive Geschichte. Nachdruck aus dem losen Zyklus 'Lateinamerika'. Copyright Josephine Salt, 1998-2002.
Diese Geschichten sind aufgegangen in einem Roman. Weiteres zum Thema: Googeln nach: Das Eisenbett Ana Contrera
4年前