Erbeeren ohne Sahne
Erinnerung an den Sommer 2025
Jetzt, in der kalten Jahreszeit, kommen die Erinnerungen an jene Sommerabende fast von selbst, ohne Einladung, manchmal nur ausgelöst durch einen Blick aus dem Fenster in den dunklen Garten, der still daliegt, feucht vom Tau, kahl und fremd, und bei dem man kaum glauben kann, dass man dort noch vor wenigen Monaten bis spät in die Nacht gesessen hat. Dann wirkt alles unwirklich, als hätte es diese Wärme, dieses Licht, dieses Zusammensein mit Freunden nie gegeben, als wäre der Sommer nur eine Erfindung gewesen, ein Zustand, den man sich schöner erinnert, als er war. Und doch weiß ich, dass wir genau dort gesessen haben, gelacht, getru_nken, gegessen, die Zeit vergessen, den Körper vergessen, oder ihn vielleicht zum ersten Mal seit Langem wieder gespürt haben, leicht, offen, bereit, ohne zu ahnen, dass sich an einem dieser Abende etwas ereignen würde, das bleibt.
Es war der 21. Juni 2025, ein Samstag, und schon am frühen Morgen hatte der Wetterbericht einen wolkenlosen Himmel und Temperaturen um die dreißig Grad angekündigt, ein Sommertag wie gemalt, genau richtig für das, was wir geplant hatten. Wir hatten Anne und ihren Mann eingeladen, alte Freunde, vertraut, schon seit mehr als dreißig Jahren begleiten wir uns gegenseitig durch das Leben, durch Hochzeiten, Kin_der, Umzüge, Krisen und diese kleinen, stillen Momente, in denen man nicht viel sagen muss, um zu wissen, was der andere meint. Anne war immer schon die, mit der man spät nachts noch über Musik oder das Leben reden konnte, während ihr Mann mit meinem an der Feuerschale saß und Gin Tonic trank, und genauso hatte sich auch dieser Abend angekündigt – entspannt, leicht, einfach gemeinsam sein, wie so oft bei uns auf der Veranda, mit Blick in den Garten, die Füße nackt auf dem warmen Holz, die Gläser kühl, der Grill langsam angeheizt, das Leben einatmen, ohne etwas beweisen zu müssen. Es war einer dieser lauen, weichen Sommerabende, an denen die Hitze nicht nachließ, sondern sich wie ein feuchtes Tuch über alles legte, über die Steine auf der Terrasse, über die nackten Beine auf den Holzstühlen, über die Stimmen, die sich leise und irgendwann auch lauter vermischten, über die Gläser, die klirrten, und über die Körper, die schon längst nicht mehr nur an ihren eigenen Grenzen spürten, wo der Abend enden würde.
Wir hatten gegrillt, einfache Sachen, Zucchini, Lachs, ein paar Spieße mit Halloumi, dazu Fladenbrot, ein leichter Dip, Weißwein, Aperol Spritz, der leicht bittere Geschmack auf der Zunge, und irgendwann fiel jemandem auf, dass wir besser in Badekleidung dasitzen könnten, so klebte das T-Shirt an der Haut, so sehr glänzten die Schultern in der Dämmerung. Ich hatte ein helles, dünnes Sommerkleid an, das an manchen Stellen wegen der Feuchtigkeit schon leicht durchsichtig geworden war, und Annes Bluse lag eng an ihrem Körper an, so dünn, dass sich unter dem Stoff ein Nippel abzeichnete, nicht herausfordernd, sondern einfach sichtbar, ein Hauch von Nähe.
Je länger der Abend dauerte und je leerer die Gläser wurden, desto deutlicher spürte ich, wie sich etwas verschob, nicht laut und nicht plötzlich, sondern leise und fast selbstverständlich, als würde der Alko_hol nicht enthemmen, sondern ehrlicher machen. Blicke blieben einen Moment zu lange hängen, spontan ausgesprochen Gedanken wurden weniger korrigiert, Wünsche traten aus dem Schatten, ohne gleich ausgesprochen zu werden. Ich merkte, wie mein Körper reagierte, wie eine Wärme in mir entstand, ruhig und bestimmt, weil Annes Mann mich unverwandt ansah, offen, ohne Ausweichen, und ich wusste, dass auch Anne meinen Mann mit einem neuen Blick betrachtete, einem, den sie sonst nie zugelassen hätte.
Die Männer saßen breitbeinig, entspannt, vielleicht schon etwas schwer atmend vom Alko_hol, und sie redeten über alte Urlaube, über Boote, über irgendetwas, das gerade keine Rolle spielte, und trotzdem war da dieses Knistern, diese Art, wie Anne meinem Mann ansah, wie ihr Blick an ihm hängen blieb, wie ihre Beine erst über Kreuz lagen und dann nicht mehr. Um diesen Moment aufzufangen, nicht um ihn zu beenden, sondern um ihm Luft zu geben, sagte ich mit einem kleinen, fast verschmitzten Lächeln: „Ich hab noch frische Erdbeeren im Kühlschrank“, machte eine kurze Pause und fügte hinzu, „aber keine Sahne – nur Naturjoghurt.“
Anne schwieg einen Moment, sah mich an, dann meinen Mann, dann ihren eigenen, und man konnte förmlich sehen, wie sie innerlich einen Schritt machte, den sie sonst nie gegangen wäre. „Es fehlt aber noch etwas“, sagte sie schließlich, langsam, ungewohnt bestimmt, „etwas, das den Erdbeeren und diesem Abend eine besondere, würzige Note gibt.“ Sie machte eine Pause, als müsste sie sich wirklich einen Ruck geben, und fuhr dann fort, klarer jetzt: „Ihr beide geht jetzt in die Küche und macht die Erdbeeren fertig – du“, sie zeigte auf meinen Mann, „für mich, und du“, sie zeigte auf ihren Mann, „für Maria.“ Noch einmal hielt sie inne, sah uns an und sagte leise: „Und wenn ich euch so ansehe, geht das ganz schnell.“
Es war vollkommen still. Niemand lachte, niemand widersprach. Dann sagte mein Mann mit zu rauer Stimme, fast sachlich: „Wo stehen die Kristallschälchen, die wir nur für besondere Anlässe nehmen?“ „Im Wohnzimmerschrank“, antwortete ich, und erst da merkte ich, wie sehr mein Herz schlug. Einen Moment später standen die beiden auf und gingen gemeinsam ins Haus.
Als die Terrassentür hinter ihnen zufiel, saßen Anne und ich nebeneinander, beide mit dem Glas in der Hand. Zuerst hörten wir noch ganz normale Geräusche aus der Küche, Schubladen, Geschirr, Wasser, Schritte. Wir sprachen über Belangloses, über das Essen, über einen Film, über Dinge, die man sagt, wenn man etwas anderes nicht sagen will. Dann wurde es plötzlich still. Das Licht in der Küche blieb an, kurz darauf ging auch das Licht in der Gästetoilette an.
Durch die Scheiben sahen wir nur Schatten, undeutlich, fast unbeweglich, und für einen Moment fragten wir uns, ob wir uns einbildeten, dass sich der Schatten dort rhythmisch verschob, oder ob es nur unsere eigene Unruhe war – doch die Bewegungen wurden klarer, ein wiederholtes, leises Ziehen und Drücken, das in der Stille fast hörbar wurde, bevor ein unterdrücktes Seufzen die Luft durchbrach. Ich begann hastig über das Wetter von morgen zu reden, darüber, dass es wohl noch heißer werden sollte, vielleicht Gewitter am Abend. Wir rückten auf den Stühlen, suchten bequemere Positionen, als müssten wir unsere Körper entlasten von dem, was gerade in ihnen arbeitete. Die Zeit zog sich, dehnte sich, und obwohl es wahrscheinlich nur fünf oder zehn Minuten waren, fühlte es sich quälend lang an.
Dann ging das Licht in der Gästetoilette aus. Kurz darauf öffnete sich die Terrassentür. Die Männer traten wieder ins Freie, ruhig, gesammelt, jeder mit einem Kristallschälchen in der Hand. Man erkannte sofort die Erdbeeren, tiefrot, sorgfältig angerichtet, und darüber eine weiße Schicht Joghurt, glatt und ruhig, doch mit einer frischen, leichten Vermischung, die den Joghurt etwas cremiger wirken ließ, als wäre etwas Warmes, Persönliches gerade erst dazugegeben worden, als wäre nichts geschehen und gleichzeitig alles.
Annes Mann trat als Erster näher und reichte mir die Schale mit beiden Händen. Unsere Finger berührten sich nur kurz, doch diese Berührung hatte Gewicht, ein leises Prickeln. Ich senkte den Blick auf das tiefe Rot unter dem Weiß und wusste, dass dies kein Dessert war, sondern eine Antwort. Mein Mann ging an ihm vorbei, stellte Anne die Schale direkt in die Hand; sie zuckte leicht zusammen, schloss dann die Finger um das Glas und setzte sich näher an mich. Niemand sagte Danke. Es war nicht nötig.
Die Luft auf der Veranda war dichter geworden. Ich nahm den Löffel, hielt inne. Anne zögerte nicht: Sie sah meinen Mann an, offen, fast herausfordernd, nahm einen vollen Löffel und leckte ihn gierig ab. In diesem Augenblick hatte ich den Eindruck, dass etwas, das lange in ihr geschwelt hatte, nun nach außen trat, unumkehrbar. Geschmacklich mochte sich etwas verändert haben, vielleicht sogar verbessert, doch darum ging es nicht. Es ging um die Grenzüberschreitung, die alles auf unseren Zungen intensiver machte, weil wir wussten, was sie bedeutete.
Ich beobachtete Anne aufmerksam. Ihre Gier war sichtbar, meine Lust sammelte sich stiller, tiefer. Als ich selbst kostete, nahm ich die feine Struktur wahr, die Dichte, ein perlmutartiges Schimmern, und auch den Unterschied: bei mir eine kantigere, herbere Note, fremd und aufmerksam machend; bei dem, was ich von meinem Mann kannte, immer etwas Weicheres, Mildes, fast Süßes. Lebensweisen schreiben sich ein, dachte ich, selbst in diese kleinen, intimen Nuancen. Neben mir spürte ich Anne, ihre gespannte Ruhe, und wusste, dass sie Ähnliches wahrnahm.
Die Männer schwiegen. Mein Mann senkte den Blick, trat einen halben Schritt zurück und ließ dem Moment Raum. Zwischen Anne und mir blitzte ein kurzer Blick auf, ein Einverständnis ohne Worte. Wir legten die Löffel beiseite, tauchten die Erdbeeren mit den Fingern noch einmal ein, ließen sie sich vollsaugen und auf der Zunge zergehen, bis das Gemisch langsam über Mundwinkel und Lippen lief. Wir wischten uns nicht sofort ab; wir hielten diesen Zustand aus, still, aufmerksam.
Am Ende blieb nur noch jeweils eine Erdbeere. Anne fütterte mich, ich sie, unsere Finger berührten sich länger als nötig, und wir nahmen einander die letzten Spuren von den Lippen, zärtlich, beinahe erleichtert. Dann sanken wir in die Stühle zurück, griffen nach den Gläsern. Die Männer wirkten einen Moment irritiert, suchend, als fragten sie sich, was dieser Abend künftig bedeuten könnte. Meine körperliche Reaktion war stark gewesen, überwältigend fast, und ich wusste, dass sie nicht nur mich betraf. Nach ein paar Minuten fanden wir zurück ins Alberne, lachten wie zuvor, auch wenn eine feine Spannung blieb. An diesem Abend geschah nichts mehr.
Der Abschied jedoch war anders. Anne küsste meinen Mann nicht flüchtig auf die Wange, sondern näher, verbindlicher, und suchte kurz seine Nähe. Er hielt sie einen Augenblick zu lange fest, eine Geste, die alles bestätigte, ohne etwas zu erklären. Annes Mann, zurückhaltend und voller Zuneigung zu ihr, stand abseits. Vielleicht war es deshalb an mir, die Initiative zu übernehmen. Ich zog ihn näher und sagte leise: „Ich weiß, dass das heute nicht einfach für dich war.“ „Ja“, antwortete er gedämpft. „Umso schöner“, sagte ich, „dass du dir diesen einen Augenblick erlaubt hast.“ Er blieb still, und ich gab ihm einen kleinen Kuss auf sein Ohrläppchen, der sich zu einem tieferen, zungenspielenden Kuss entwickelte, versteckt in der Dämmerung, so dass die anderen es nicht sahen, weil ich wusste, dass ihm das peinlich sein könnte, doch er erwiderte es gerne, mit einer leisen, hungrigen Intensität.
Als sie gegangen waren, räumten wir nichts mehr auf. Wir löschten nur das Licht und gingen ins Haus, Schulter an Schulter, mit einer Ungeduld, die nicht nach Worten verlangte. Später, hinter der geschlossenen Tür unseres Schlafzimmers oben, wollten wir nicht reden, nichts ordnen, nur der aufgestauten Energie Raum geben, indem wir uns in einem heißen, drängenden Sex fallen ließen, weil die Stimmung so aufgeheizt war, dass unsere Körper sich nicht mehr zurückhalten konnten. Der Garten draußen lag still und dunkel, und drinnen wussten wir beide, dass der Sommer nicht vorbei war, nur weil diese Nacht begonnen hatte.
Seit jenem Abend ist nichts weiter geschehen. Keine Nachrichten mit doppeltem Boden, keine Einladungen, die mehr versprachen, als sie hielten. Vielleicht, weil nun ein bewusster Schritt nötig wäre, getragen nicht von Wärme und Dämmerung, sondern von Entscheidung. Und vielleicht warten wir genau deshalb aufeinander – im leisen Wissen, dass das, was möglich ist, nicht verschwunden ist, sondern nur darauf wartet, dass jemand den Mut hat, es beim Namen zu nennen.
Nachwort
Wer meine Geschichten liest, ahnt es vielleicht schon: Auch hinter „Erdbeeren ohne Sahne“ steht – wie so oft – mehr Wirklichkeit als bloße Fantasie. Dieses Treffen zu viert hat tatsächlich stattgefunden, an jenem lauen Junisamstag 2025. Die Hitze, die gute, entspannte Stimmung, der Alk_ohol, der alles ein wenig leichter und gleichzeitig intensiver machte – all das war genau so. Die Erdbeeren gab es wirklich, frisch und tiefrot, und weil im Kühlschrank keine Sahne stand, haben ich Naturjoghurt genommen.
Und ja, irgendwann hat Anne mit diesem kleinen, wissenden Lächeln gesagt, der Joghurt sehe nicht nur so aus … und nach einer winzigen, bedeutungsschweren Pause hinzugefügt, er schmecke auch so wie der Saft ihres Mannes.
Der Wahrheitsgehalt dieser Erzählung liegt also bei etwa 85 Prozent. Was fehlt, sind lediglich zwei kleine Mengen Flüssigkeit – jeweils so um die 2,5 bis 5 Milliliter –, die den Joghurt in den beiden Schälchen noch etwas würziger gemacht hätten. Der Rest – die Blicke, die Berührungen, die zärtliche, alko_holbedingte Verabschiedung in der Dämmerung, die stille Übereinkunft zwischen uns vieren – ist so passiert, wie es hier steht.
Manchmal braucht es gar nicht viel mehr als einen heißen Sommerabend, ein paar Gläser zu viel und die richtige Mischung aus Vertrautheit und Neugier, um aus einem ganz normalen Abend etwas zu machen, das man nie ganz vergisst.
Danke, dass ihr mitgelesen habt.
Maria
Jetzt, in der kalten Jahreszeit, kommen die Erinnerungen an jene Sommerabende fast von selbst, ohne Einladung, manchmal nur ausgelöst durch einen Blick aus dem Fenster in den dunklen Garten, der still daliegt, feucht vom Tau, kahl und fremd, und bei dem man kaum glauben kann, dass man dort noch vor wenigen Monaten bis spät in die Nacht gesessen hat. Dann wirkt alles unwirklich, als hätte es diese Wärme, dieses Licht, dieses Zusammensein mit Freunden nie gegeben, als wäre der Sommer nur eine Erfindung gewesen, ein Zustand, den man sich schöner erinnert, als er war. Und doch weiß ich, dass wir genau dort gesessen haben, gelacht, getru_nken, gegessen, die Zeit vergessen, den Körper vergessen, oder ihn vielleicht zum ersten Mal seit Langem wieder gespürt haben, leicht, offen, bereit, ohne zu ahnen, dass sich an einem dieser Abende etwas ereignen würde, das bleibt.
Es war der 21. Juni 2025, ein Samstag, und schon am frühen Morgen hatte der Wetterbericht einen wolkenlosen Himmel und Temperaturen um die dreißig Grad angekündigt, ein Sommertag wie gemalt, genau richtig für das, was wir geplant hatten. Wir hatten Anne und ihren Mann eingeladen, alte Freunde, vertraut, schon seit mehr als dreißig Jahren begleiten wir uns gegenseitig durch das Leben, durch Hochzeiten, Kin_der, Umzüge, Krisen und diese kleinen, stillen Momente, in denen man nicht viel sagen muss, um zu wissen, was der andere meint. Anne war immer schon die, mit der man spät nachts noch über Musik oder das Leben reden konnte, während ihr Mann mit meinem an der Feuerschale saß und Gin Tonic trank, und genauso hatte sich auch dieser Abend angekündigt – entspannt, leicht, einfach gemeinsam sein, wie so oft bei uns auf der Veranda, mit Blick in den Garten, die Füße nackt auf dem warmen Holz, die Gläser kühl, der Grill langsam angeheizt, das Leben einatmen, ohne etwas beweisen zu müssen. Es war einer dieser lauen, weichen Sommerabende, an denen die Hitze nicht nachließ, sondern sich wie ein feuchtes Tuch über alles legte, über die Steine auf der Terrasse, über die nackten Beine auf den Holzstühlen, über die Stimmen, die sich leise und irgendwann auch lauter vermischten, über die Gläser, die klirrten, und über die Körper, die schon längst nicht mehr nur an ihren eigenen Grenzen spürten, wo der Abend enden würde.
Wir hatten gegrillt, einfache Sachen, Zucchini, Lachs, ein paar Spieße mit Halloumi, dazu Fladenbrot, ein leichter Dip, Weißwein, Aperol Spritz, der leicht bittere Geschmack auf der Zunge, und irgendwann fiel jemandem auf, dass wir besser in Badekleidung dasitzen könnten, so klebte das T-Shirt an der Haut, so sehr glänzten die Schultern in der Dämmerung. Ich hatte ein helles, dünnes Sommerkleid an, das an manchen Stellen wegen der Feuchtigkeit schon leicht durchsichtig geworden war, und Annes Bluse lag eng an ihrem Körper an, so dünn, dass sich unter dem Stoff ein Nippel abzeichnete, nicht herausfordernd, sondern einfach sichtbar, ein Hauch von Nähe.
Je länger der Abend dauerte und je leerer die Gläser wurden, desto deutlicher spürte ich, wie sich etwas verschob, nicht laut und nicht plötzlich, sondern leise und fast selbstverständlich, als würde der Alko_hol nicht enthemmen, sondern ehrlicher machen. Blicke blieben einen Moment zu lange hängen, spontan ausgesprochen Gedanken wurden weniger korrigiert, Wünsche traten aus dem Schatten, ohne gleich ausgesprochen zu werden. Ich merkte, wie mein Körper reagierte, wie eine Wärme in mir entstand, ruhig und bestimmt, weil Annes Mann mich unverwandt ansah, offen, ohne Ausweichen, und ich wusste, dass auch Anne meinen Mann mit einem neuen Blick betrachtete, einem, den sie sonst nie zugelassen hätte.
Die Männer saßen breitbeinig, entspannt, vielleicht schon etwas schwer atmend vom Alko_hol, und sie redeten über alte Urlaube, über Boote, über irgendetwas, das gerade keine Rolle spielte, und trotzdem war da dieses Knistern, diese Art, wie Anne meinem Mann ansah, wie ihr Blick an ihm hängen blieb, wie ihre Beine erst über Kreuz lagen und dann nicht mehr. Um diesen Moment aufzufangen, nicht um ihn zu beenden, sondern um ihm Luft zu geben, sagte ich mit einem kleinen, fast verschmitzten Lächeln: „Ich hab noch frische Erdbeeren im Kühlschrank“, machte eine kurze Pause und fügte hinzu, „aber keine Sahne – nur Naturjoghurt.“
Anne schwieg einen Moment, sah mich an, dann meinen Mann, dann ihren eigenen, und man konnte förmlich sehen, wie sie innerlich einen Schritt machte, den sie sonst nie gegangen wäre. „Es fehlt aber noch etwas“, sagte sie schließlich, langsam, ungewohnt bestimmt, „etwas, das den Erdbeeren und diesem Abend eine besondere, würzige Note gibt.“ Sie machte eine Pause, als müsste sie sich wirklich einen Ruck geben, und fuhr dann fort, klarer jetzt: „Ihr beide geht jetzt in die Küche und macht die Erdbeeren fertig – du“, sie zeigte auf meinen Mann, „für mich, und du“, sie zeigte auf ihren Mann, „für Maria.“ Noch einmal hielt sie inne, sah uns an und sagte leise: „Und wenn ich euch so ansehe, geht das ganz schnell.“
Es war vollkommen still. Niemand lachte, niemand widersprach. Dann sagte mein Mann mit zu rauer Stimme, fast sachlich: „Wo stehen die Kristallschälchen, die wir nur für besondere Anlässe nehmen?“ „Im Wohnzimmerschrank“, antwortete ich, und erst da merkte ich, wie sehr mein Herz schlug. Einen Moment später standen die beiden auf und gingen gemeinsam ins Haus.
Als die Terrassentür hinter ihnen zufiel, saßen Anne und ich nebeneinander, beide mit dem Glas in der Hand. Zuerst hörten wir noch ganz normale Geräusche aus der Küche, Schubladen, Geschirr, Wasser, Schritte. Wir sprachen über Belangloses, über das Essen, über einen Film, über Dinge, die man sagt, wenn man etwas anderes nicht sagen will. Dann wurde es plötzlich still. Das Licht in der Küche blieb an, kurz darauf ging auch das Licht in der Gästetoilette an.
Durch die Scheiben sahen wir nur Schatten, undeutlich, fast unbeweglich, und für einen Moment fragten wir uns, ob wir uns einbildeten, dass sich der Schatten dort rhythmisch verschob, oder ob es nur unsere eigene Unruhe war – doch die Bewegungen wurden klarer, ein wiederholtes, leises Ziehen und Drücken, das in der Stille fast hörbar wurde, bevor ein unterdrücktes Seufzen die Luft durchbrach. Ich begann hastig über das Wetter von morgen zu reden, darüber, dass es wohl noch heißer werden sollte, vielleicht Gewitter am Abend. Wir rückten auf den Stühlen, suchten bequemere Positionen, als müssten wir unsere Körper entlasten von dem, was gerade in ihnen arbeitete. Die Zeit zog sich, dehnte sich, und obwohl es wahrscheinlich nur fünf oder zehn Minuten waren, fühlte es sich quälend lang an.
Dann ging das Licht in der Gästetoilette aus. Kurz darauf öffnete sich die Terrassentür. Die Männer traten wieder ins Freie, ruhig, gesammelt, jeder mit einem Kristallschälchen in der Hand. Man erkannte sofort die Erdbeeren, tiefrot, sorgfältig angerichtet, und darüber eine weiße Schicht Joghurt, glatt und ruhig, doch mit einer frischen, leichten Vermischung, die den Joghurt etwas cremiger wirken ließ, als wäre etwas Warmes, Persönliches gerade erst dazugegeben worden, als wäre nichts geschehen und gleichzeitig alles.
Annes Mann trat als Erster näher und reichte mir die Schale mit beiden Händen. Unsere Finger berührten sich nur kurz, doch diese Berührung hatte Gewicht, ein leises Prickeln. Ich senkte den Blick auf das tiefe Rot unter dem Weiß und wusste, dass dies kein Dessert war, sondern eine Antwort. Mein Mann ging an ihm vorbei, stellte Anne die Schale direkt in die Hand; sie zuckte leicht zusammen, schloss dann die Finger um das Glas und setzte sich näher an mich. Niemand sagte Danke. Es war nicht nötig.
Die Luft auf der Veranda war dichter geworden. Ich nahm den Löffel, hielt inne. Anne zögerte nicht: Sie sah meinen Mann an, offen, fast herausfordernd, nahm einen vollen Löffel und leckte ihn gierig ab. In diesem Augenblick hatte ich den Eindruck, dass etwas, das lange in ihr geschwelt hatte, nun nach außen trat, unumkehrbar. Geschmacklich mochte sich etwas verändert haben, vielleicht sogar verbessert, doch darum ging es nicht. Es ging um die Grenzüberschreitung, die alles auf unseren Zungen intensiver machte, weil wir wussten, was sie bedeutete.
Ich beobachtete Anne aufmerksam. Ihre Gier war sichtbar, meine Lust sammelte sich stiller, tiefer. Als ich selbst kostete, nahm ich die feine Struktur wahr, die Dichte, ein perlmutartiges Schimmern, und auch den Unterschied: bei mir eine kantigere, herbere Note, fremd und aufmerksam machend; bei dem, was ich von meinem Mann kannte, immer etwas Weicheres, Mildes, fast Süßes. Lebensweisen schreiben sich ein, dachte ich, selbst in diese kleinen, intimen Nuancen. Neben mir spürte ich Anne, ihre gespannte Ruhe, und wusste, dass sie Ähnliches wahrnahm.
Die Männer schwiegen. Mein Mann senkte den Blick, trat einen halben Schritt zurück und ließ dem Moment Raum. Zwischen Anne und mir blitzte ein kurzer Blick auf, ein Einverständnis ohne Worte. Wir legten die Löffel beiseite, tauchten die Erdbeeren mit den Fingern noch einmal ein, ließen sie sich vollsaugen und auf der Zunge zergehen, bis das Gemisch langsam über Mundwinkel und Lippen lief. Wir wischten uns nicht sofort ab; wir hielten diesen Zustand aus, still, aufmerksam.
Am Ende blieb nur noch jeweils eine Erdbeere. Anne fütterte mich, ich sie, unsere Finger berührten sich länger als nötig, und wir nahmen einander die letzten Spuren von den Lippen, zärtlich, beinahe erleichtert. Dann sanken wir in die Stühle zurück, griffen nach den Gläsern. Die Männer wirkten einen Moment irritiert, suchend, als fragten sie sich, was dieser Abend künftig bedeuten könnte. Meine körperliche Reaktion war stark gewesen, überwältigend fast, und ich wusste, dass sie nicht nur mich betraf. Nach ein paar Minuten fanden wir zurück ins Alberne, lachten wie zuvor, auch wenn eine feine Spannung blieb. An diesem Abend geschah nichts mehr.
Der Abschied jedoch war anders. Anne küsste meinen Mann nicht flüchtig auf die Wange, sondern näher, verbindlicher, und suchte kurz seine Nähe. Er hielt sie einen Augenblick zu lange fest, eine Geste, die alles bestätigte, ohne etwas zu erklären. Annes Mann, zurückhaltend und voller Zuneigung zu ihr, stand abseits. Vielleicht war es deshalb an mir, die Initiative zu übernehmen. Ich zog ihn näher und sagte leise: „Ich weiß, dass das heute nicht einfach für dich war.“ „Ja“, antwortete er gedämpft. „Umso schöner“, sagte ich, „dass du dir diesen einen Augenblick erlaubt hast.“ Er blieb still, und ich gab ihm einen kleinen Kuss auf sein Ohrläppchen, der sich zu einem tieferen, zungenspielenden Kuss entwickelte, versteckt in der Dämmerung, so dass die anderen es nicht sahen, weil ich wusste, dass ihm das peinlich sein könnte, doch er erwiderte es gerne, mit einer leisen, hungrigen Intensität.
Als sie gegangen waren, räumten wir nichts mehr auf. Wir löschten nur das Licht und gingen ins Haus, Schulter an Schulter, mit einer Ungeduld, die nicht nach Worten verlangte. Später, hinter der geschlossenen Tür unseres Schlafzimmers oben, wollten wir nicht reden, nichts ordnen, nur der aufgestauten Energie Raum geben, indem wir uns in einem heißen, drängenden Sex fallen ließen, weil die Stimmung so aufgeheizt war, dass unsere Körper sich nicht mehr zurückhalten konnten. Der Garten draußen lag still und dunkel, und drinnen wussten wir beide, dass der Sommer nicht vorbei war, nur weil diese Nacht begonnen hatte.
Seit jenem Abend ist nichts weiter geschehen. Keine Nachrichten mit doppeltem Boden, keine Einladungen, die mehr versprachen, als sie hielten. Vielleicht, weil nun ein bewusster Schritt nötig wäre, getragen nicht von Wärme und Dämmerung, sondern von Entscheidung. Und vielleicht warten wir genau deshalb aufeinander – im leisen Wissen, dass das, was möglich ist, nicht verschwunden ist, sondern nur darauf wartet, dass jemand den Mut hat, es beim Namen zu nennen.
Nachwort
Wer meine Geschichten liest, ahnt es vielleicht schon: Auch hinter „Erdbeeren ohne Sahne“ steht – wie so oft – mehr Wirklichkeit als bloße Fantasie. Dieses Treffen zu viert hat tatsächlich stattgefunden, an jenem lauen Junisamstag 2025. Die Hitze, die gute, entspannte Stimmung, der Alk_ohol, der alles ein wenig leichter und gleichzeitig intensiver machte – all das war genau so. Die Erdbeeren gab es wirklich, frisch und tiefrot, und weil im Kühlschrank keine Sahne stand, haben ich Naturjoghurt genommen.
Und ja, irgendwann hat Anne mit diesem kleinen, wissenden Lächeln gesagt, der Joghurt sehe nicht nur so aus … und nach einer winzigen, bedeutungsschweren Pause hinzugefügt, er schmecke auch so wie der Saft ihres Mannes.
Der Wahrheitsgehalt dieser Erzählung liegt also bei etwa 85 Prozent. Was fehlt, sind lediglich zwei kleine Mengen Flüssigkeit – jeweils so um die 2,5 bis 5 Milliliter –, die den Joghurt in den beiden Schälchen noch etwas würziger gemacht hätten. Der Rest – die Blicke, die Berührungen, die zärtliche, alko_holbedingte Verabschiedung in der Dämmerung, die stille Übereinkunft zwischen uns vieren – ist so passiert, wie es hier steht.
Manchmal braucht es gar nicht viel mehr als einen heißen Sommerabend, ein paar Gläser zu viel und die richtige Mischung aus Vertrautheit und Neugier, um aus einem ganz normalen Abend etwas zu machen, das man nie ganz vergisst.
Danke, dass ihr mitgelesen habt.
Maria
1ヶ月前